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Die Planung der M-4 in Russland

Die russische Magistrale M-4 ist eine Fernstraße, die die Hauptstadt Moskau über Woronesch und Rostow am Don mit der Schwarzmeerküste verbindet. Teile dieser Nord-Süd Hauptverbindung sollen erneuert und streckenweise zu einer Autobahn umgebaut werden. In diesem Pilotprojekt kooperieren russische und deutsche Infrastrukturplaner und projektieren einen Teilabschnitt nach deutschen Richtlinien und russischen Grundsätzen. Ein Ziel ist ein Vergleich der Grundlagen der Trassierung speziell unter dem Aspekt der Verkehrssicherheit. Und mittendrin im Projekt – die Software CARD/1.

Auszug aus der Visualisierung „Bau und Verkehrsführung”.Visualisierung des Knotenpunktes mit MAUT-Station bei km 937.Visualisierung der MAUT-Stelle.Visualisierung der MAUT-Station mit Knotenpunkt.Visualisierung des Knotens, die Verkehrsbelegung wurde mittels VISSIM berechnet.
Auszug aus der Visualisierung „Bau und Verkehrsführung”.
Visualisierung des Knotenpunktes mit MAUT-Station bei km 937.
Visualisierung der MAUT-Stelle.
Visualisierung der MAUT-Station mit Knotenpunkt.
Visualisierung des Knotens, die Verkehrsbelegung wurde mittels VISSIM berechnet.

Die Bauhausuniversität Weimar, das Institut Dr. Hutschenreuther in Weimar und die Ingenieurgruppe BEB Weimar pflegen seit vielen Jahren eine enge Zusammenarbeit mit der Moskauer Technischen Universität für Straßenwesen (MADI) auf dem Gebiet der Verkehrsplanung sowie der Entwicklung der Infrastruktur.

Auf dieser Grundlage und diverser Akquisitionstätigkeiten der Ingenieurgruppe BEB Weimar und des Ingenieurbüros Dr. Wenzel Erfurt ergab sich im Jahr 2009 die Möglichkeit, über eine gemeinsame Bearbeitung eines Straßenbauprojektes Abstimmungen mit der russischen Straßenbauverwaltung namens Avtodor in Moskau zu führen.

Deutsches Planungsrecht

Die deutschen Partner, hier als Auftragnehmer durch die Ingenieurgruppe BEB Weimar vertreten, erarbeiteten in den Jahren 2009 und 2010 eine Reihe von Darstellungen für die Planung einer Autobahn nach deutschem Planungsrecht.

Im Ergebnis dieser Abstimmungen entstand die Möglichkeit, in Zusammenarbeit mit dem russischen Planungsinstitut für Infrastrukturvorhaben Stroiprojekt St. Petersburg ein gemeinsames Angebot zu erstellen, das eine abschnittsweise parallele Beplanung eines Autobahnabschnittes im südöstlichen Teil Russlands beinhaltet. Diese Planungsleistungen wurden als öffentliche Ausschreibung durch die russische Straßenbauverwaltung veröffentlicht und im Ergebnis des Wettbewerbes vergeben.

Der Planungsgegenstand

Das Autobahnnetz in Russland befindet sich derzeit noch im Aufbau. Die Autostraße M-4 ist in ihrer Gesamtlänge von 1.436 km in der Regel vierstreifig ausgebildet. Diese Hauptmagistrale wird abschnittsweise sechsstreifig rekonstruiert, um den erhöhten Anforderungen der Verkehrsbelastung gerecht zu werden. Damit parallel verlaufen die Umgestaltung der bestehenden Knotenpunkte und die Einführung eines Mautsystems für die Nutzung der Autobahnabschnitte. Der hier vorgestellte Planungsabschnitt befindet sich nördlich von Rostov am Don im Gebiet Rostov (Rostover Oblast). Die Automagistrale M-4, beginnend im Gebiet Moskau, ist in der Stationierungsrichtung von Moskau in Richtung Süden vom km 933 bis 1024 als Planungsabschnitt für diese gemeinsame Planungsaufgabe definiert worden.

Das Bearbeitungsteam

Dipl.-Ing. Bernhard Blümel von der Ingenieurgruppe BEB GmbH ist als Auftragnehmer und kaufmännischer Geschäftsführer amtiert und vertritt die deutsche Planungsgruppe als Vertragspartner des russischen Planungsbüros Stroiprojekt Moskau. Die technische Gesamtleitung der Projektbearbeitung nimmt Dr.-Ing. Joachim Wenzel vom Ingenieurbüro Dr. Wenzel GmbH Erfurt wahr.

Die Planungsaufgabe

Lage der M-4 im Netz der russischen Automagistralen. Auszug aus dem Bericht zur Verkehrsprognose.

Die zu erbringende Planungsaufgabe war als Vertragsgrundlage detailliert beschrieben und umfasste u.a. die folgenden Bestandteile:

  • Analyse und Prognose der Verkehrsbelegungen.
  • Straßenplanung für die Autobahnstrecke, ohne Brückenbauwerke.
  • Baugrundtechnische Beurteilung der bestehenden Baugrundsituationen und der Verwendbarkeit der anfallenden Erdbaustoffe.
  • Baustofftechnische Vergleiche zwischen den in Deutschland und in Russland verwendeten Baustoffen für den Oberbau.
  • Empfehlungen für die Landschaftsplanung im Sinne von Bewertung der bestehenden ökologischen Situation und dem Vorschlag für Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen.
  • Bewertung der lärmtechnischen Situation im Bereich der bebauten Gebiete.
  • Gegenüberstellung ausgewählter russischer und deutscher Planungsvorschriften.
  • Diese Planungsaufgaben wurden durch die anfangs genannten Partner mittels CARD/1 umgesetzt.

Das Deutsch-Russische Konsortium

Das Planungsinstitut Stroiprojekt hat die Planungsaufgabe entsprechend den russischen Planungsvorschriften übertragen bekommen. Bestandteil der Aufgabenstellung für den russischen Partner ist die Bewertung und die vergleichende Darstellung der russischen und der deutschen Planungsergebnisse gegenüber der auftraggebenden russischen Straßenbauverwaltung. Als Grundlage für die Straßenplanung wurde eine Analyse und Prognose für die Verkehrsbelegung erstellt. Diese enthielt die Verkehrserhebungsdaten für den Ausbauabschnitt und der angrenzenden Netzabschnitte, eine Ermittlung des Ist-Zustandes und eine Prognose der Verkehrsbelegung. Diese Leistung wurde durch die Bauhaus Universität Weimar in Zusammenarbeit mit dem Ingenieurbüro JAVIDO GbR Weimar realisiert. Die Ergebnisse der russischen und der deutschen Verkehrsprognose führten auch zur differenzierten Empfehlung des zukünftigen Ausbauquerschnittes der M-4. Die russischen Planer schlugen einen sechsstreifigen Querschnitt der M-4 vor, nach den deutschen Planungsrichtlinien würde ein vierstreifiger Querschnitt genügen.

Unterschiede in der Anforderung

Als ein gewöhnlicher Bestandteil deutscher Straßenplanung wurde die Behandlung von Oberflächenwässern, Anordnung von Regenrückhaltebecken und Ableitung in die im Planungsgebiet vorhandenen Vorfluten bearbeitet. Einen weiteren Bestandteil in der Straßenplanung stellten die Knotenpunktentwürfe für die Anbindung der Magistrale M-21 sowie der vorhandenen Hauptverkehrstrassen im Gebiet der größeren Städte dar. Einen weiteren Bestandteil der parallel durchzuführenden Planungsaufgaben stellte der Vergleich der Dimensionierungsmethoden zwischen den russischen Vorschriften und den deutschen Vorgaben dar. Auf der Grundlage der Durchführung von Dimensionierungen nach der RStO 01 und den russischen Planungsvorschriften wurden wesentliche Unterschiede in der Strukturierung des Oberbaus diskutiert. Als Beispiel für diese unterschiedlichen Varianten sind Auszüge aus den jeweiligen Regelquerschnitten dargestellt. Besonders zu beachten sind hier die unterschiedlichen Anforderungen an die Lebensdauer der Oberbaukonstruktionen nach deutschem und russischem Planungsrecht. Gemäß deutschem Planungsrecht haben die gebundenen Oberbauten eine planmäßige Lebensdauer von 30 Jahren zu realisieren. Nach russischem Planungsrecht wird diese Lebensdauer mit 18 Jahren angesetzt. Aus den Auszügen ist erkennbar, dass die russische Konstruktionsweise des Oberbaues sich durch eine höhere Anzahl von Schichten mit unterschiedlichen Materialanforderungen darstellt. Diese unterschiedlichen Schichten basieren auf einer Berechnung von Beanspruchungszuständen in verschiedenen Tiefen der Oberbaukonstruktion. Die Beanspruchungsrechnungen, erstellt nach den russischen Planungsvorschriften auf der Grundlage des Modells der äquivalenten Tragfähigkeitskennwerte für Schichten unterschiedlicher Materialien sind vergleichbar mit der Dimensionierung entsprechend deutschem Planungsrecht nach der RDO.

Im Ergebnis der Planung der Straßenverkehrsanlagen wurden für Einzelabschnitte und einzelne Knotenpunkte Visualisierungen des zukünftigen Nutzungsverhaltens unter Zugrundelegung der prognostizierten Verkehrsbelegungen erstellt. Diese Visualisierungen dienten auch zur Bewertung der Knotenpunktformen und der Entscheidung für die entsprechenden Gestaltungsdetails in den Anbindungen an die untergeordneten Netze.

Annäherung an europäische Normen?

Bei allen vorgenannten Planungsaufgaben bestand die besondere Herausforderung für die deutsche Planungsgruppe darin, dass die Festlegungen entsprechend dem deutschen Richtlinienwerk stets gegenüber dem russischen Planungspartner zu begründen waren. Diese Begründungen wurden verglichen mit den Planungsgrundlagen der russischen Planungsvorschriften. Dazu muss gesagt werden, dass sich die russischen Planungsvorschriften derzeit in einer qualitativen Weiterentwicklung befinden, unter Maßgabe der Annäherung an die europäischen Normen. Dies trifft auch auf die Planungsvorschriften für den Straßenbau zu.

Die Ergebnisse der Planungen in allen vorgenannten Teilgebieten wurden, im Sinne der deutschen Planungsinhalte, als Ergebnisse der Vorplanung und Entwurfsplanung für diesen Autobahnabschnitt erstellt und gegenüber dem Auftraggeber begründet. Im Vergleich mit den russischen Planungsvorschriften gibt es qualitative Unterschiede in der Gestaltung der Straßenverkehrsanlagen und natürlich auch in allen folgenden Bestandteilen für die Nebenanlagen.

In Bezug auf die Nebenanlagen wurde im Rahmen der deutschen Planung ein besonderer Wert auf die Begründung und die Gestaltung von Parkplätzen und deren Ausstattung seitens der russischen Partner hinterfragt. Dazu muss bemerkt werden, dass der Parkplatz an einer Automagistrale in Russland neben den in Deutschland üblichen Funktionen (Tanken, Parken, Rasten) auch immer die Funktion von Werkstätten zwecks Havariebeseitigung und Einkaufsmöglichkeiten ausweisen soll.

Öffentliche Darlegung der Planungsergebnisse

Die M-4 wird auf Teilstrecken als MAUT-Straße geführt. Beispiel für einen Knotenpunkt mit MAUT-Station bei km 937.

Parallel zu den inhaltlichen Diskussionen mit den russischen Kollegen wurden die Planungsergebnisse auch gegenüber der auftraggebenden Straßenbauverwaltung Avtodor sowie auf öffentlichen Konferenzen dargelegt. Ziel dieser Erörterungen bestand darin, die Bewertung der deutschen Planungsergebnisse insofern auf eine breite Plattform zu stellen, da die mögliche Übernahme bestimmter Anteile der Planungsvorschriften in die russische Projektierung abzustimmen war. In den teilweise auch kontroversen Diskussionen wurden die Vor- und Nachteile von Anwendungen von deutschen Planungsrichtlinien durch die Vertreter der russischen Seite erörtert.

Der Planungsstand

Die russische Straßenbauverwaltung Avtodor hat im August 2011 beschlossen, einzelne Detailvorgaben für die russische Projektierung des Planungsabschnittes M-4 aus den deutschen Vorschriften zu entnehmen. Daraufhin wurde die russische Projektierung überarbeitet zur Expertise eingereicht. Das Verfahren zur Expertise ist vergleichbar mit dem deutschen Planfeststellungsverfahren, jedoch unter anderen Voraussetzungen und mit anderen Bedingungen.

Das Resümee

In Bewertung der äußerst interessanten und anspruchsvollen Planungsaufgabe ist festzustellen, dass die Anwendung der deutschen Planungsvorschriften für Autobahnbauvorhaben auch unter anderen Verhältnissen, wie hier in Russland, qualitativ möglich ist. Günstig für die deutsche Planungsgruppe war dabei, dass die klimatischen Verhältnisse für diesen Autobahnabschnitt mit denen in Deutschland vergleichbar sind. Gleichzeitig konnte die deutsche Planungsgruppe nachweisen, dass durch die Anwendung der deutschen Planungsvorschriften vergleichbare Unterlagen erstellt werden konnten, in deren Diskussion die Bewertung von Forderungen nach russischen Planungsvorschriften inhaltlich möglich war.

Nur durch die Kreativität innerhalb der deutschen Planungsgruppe und auf der Grundlage der fairen und kollegialen Zusammenarbeit mit den russischen Partnern und deren Auftraggebern war die Realisierung dieser Aufgabe in einem sehr kurzen Zeitraum in dem abgegrenzten Leistungsspektrum möglich.

Organigramm der Beteiligten der Planungsgruppe M-4.